Heute (Dienstag, 16.6.2026) konnte ich im Herkulessaal der Residenz einer Chorprobe von Sir Simon Rattle beiwohnen.
Es war recht viel Publikum da, Schulklassen, Mitglieder sonstiger Chöre und evtl. weitere Interessierte.
Was auffiel: Er erwartet, daß man sofort die Stelle parat hat, die geprobt werden soll. Also nicht langes Geblättere, sondern „Takt 138“, und dann spiel sofort das Cello und der Chor setzt ein. Man muß also absolut präsent sein.
Es „schwätzt“ auch niemand im Chor.
Alle sind in Alltagskleidung.
Es sind sehr viele Aufpasser und Einweisungspersonal vorhanden.
Die Probe ist auf Deutsch und Englisch. Taktzahlen sind auf Deutsch, aber Erklärungen auf Englisch. Auch „Fifteen minutes break„.
Er ist ein wahrer Entertainer. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Gestik, er hält sich z.B. demonstrativ die Noten vor das Gesicht, wenn er das Gefühl hat, es wird noch zuviel in die Noten geschaut. Die Sänger proben mit Noten.
Drei Solosänger konnte ich hören (ich mußte nach der Pause leider schon gehen), eine wurde vorgestellt, das Auditorium applaudierte. Auch sonst wurde applaudiert, was nicht abgetan wurde.
Die lustigste Stelle war in meinen Augen, als er mit dem Chor die Aussprache von „dispossess“ geübt werden sollte. Für alle, die Latein gelernt haben, ist klar, daß sich das Wort aus zwei Wörtern zusammensetzt, also gebildet wird aus „possess“ und der Vorsilbe „dis“.
Wenn man ein gutes Sprachgefühl für Englisch hat, kann man das auch sich erschließen.
Es soll also „dis“ von „possess“ getrennt werden über eine kleine Mini-Pause.
Jeder Chorsänger (und jede Chorsängerin) weiß, daß Chorleiter darauf – zurecht – sehr viel Wert legen. Einer meiner Chorleiter ist einmal bei „fröhlich“ fast ausgerastet mit dem Höhepunkt seiner Philippika „lest ihr eigentlich, was ihr da singt?“. Seinen persönlich betroffenen, böse-empört-verzweifelten Blick werde ich nie vergessen. Es hat auch gewirkt. Danach hatte dieser Chor das beste „fröhlich“ von allen Chören, die ich bisher gehört habe.
Ein anderer Chorleiter hat uns im Tenor im Rahmen vom Bruckner-Te-Deum und „Locus iste“ einmal so lange „ir-re-pre-hen-si-bi-lis est, ir-re-pre-hen-si-bi-lis est, ir-re-pre-hen-si-bi-li-i-is est“, daß ich es heute noch im Schlaf kann.
Deshalb bin ich übrigens ein strikter Verfechter, daß man im Gymnasium zumindest die Grundzüge von Latein gehabt haben sollte – und auch ein Jahr Griechisch. Von mir aus ohne Benotung. Aber man sollte als Kind einen Hauch mitbekommen haben, und bei den „Guten“ in der Klasse wird dies auf fruchtbaren Boden fallen.
Gut, genug, des Exkurses, also Sir Simon Rattle übt also mehrmals mit dem Chor „dispossess“, immer wieder, und ist nicht recht zufrieden. Dann wendet er sich auf einmal nach links und sagt „orchestra!“. Und alle Orchestermusiker: „dispossess“.
Ich wäre fast vom Stuhl gefallen.
Fast ganz vom Stuhl gefallen wäre ich, als er sich auf einmal ganz umdreht, also zu uns, also dem Publikum, und dirigiert uns, das Publikum, und wir alle:
dispossess
[Nachtrag: Ich habe die Geschichte schon oft erzählt und im Nachhinein denke ich mir nun, daß er das schon öfter gemacht haben muß, denn die Orchestermusiker haben zu schnell praktisch vollzählig „dispossess“ gesagt].
Somit hat er uns Zuhörer sozusagen gemeinsam zu einem Pop-Up-Chor gemacht.
Mich hat übrigens gewundert, daß man den Chor nicht sehr gut versteht. Es war auch viel Text. Aber es könnte auch an meinem Platz gelegen haben.