Mir liegt das Buch vor von „DuMont Buchverlag, Köln“, 22. Auflage, Juli 2002.
Das Buch ist relativ klein. 218 Seiten. Eine mittelgroße Schrift mit breiten Rändern. Es ist also schon beim ersten „In die Hand nehmen“ klar, es wird nicht lange dauern.
Man lernt aus dem Klappentext, daß der Autor 1949 in Kyoto geboren ist, „zumeist in Europa oder USA lebend“ und Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver übersetzt hat.
Das deutsche Buch wurde offenbar aus dem Englischen übersetzt „von Giovanni Bandini und Ditte Bandini“. Nun, ich habe einen japanischen Freund und werde mit ihm einmal darüber sprechen, daß sich offenbar in ganz Deutschland kein Japanisch-Übersetzer finden konnte, der das Buch direkt übersetzt hat. Der Niedergang Deutschlands begann in meinen Augen schon weit vor 2005, dies ist aber ein anderes Thema.
Beim Klappentext kommen „Der Tagesspiegel“, „Die Welt“ und „DER SPIEGEL“ zu Wort.
Kapitel 1, S. 7
Das Buch beginnt mit:
„Ich bin am vierten Januar 1951 geboren, in der ersten Woche des ersten Monats des ersten Jahres der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine denkwürdige Konstellation, nehme ich an, und darum gaben meine Eltern mir den Namen Hajime – japanisch für „Beginn“. Ansonsten war es eine hundertprozentig durchschnittliche Geburt.“
Jeder Judo-Kämpfer weiß: Mit „Hajime“ beginnt der Kampf.
Als Leser denkt man sich, aha, ein halbwegs witziger Anfang. Einfache Sprache. Das „durchschnittlich“ macht stutzig, und so kommt es auch in diesem Kapitel. Es wird mit knappen „Ich“-Sätzen gearbeitet, Hajime ist auch der Erzähler. Er schreibt, wie es als Bub ist, bis zum Ende der Grundschulzeit. Er ist Einzelkind und damit „verzogen, schwach und egozentrisch“ (S. 9), er entspricht dem Vorurteil.
Er beschreibt die Schule, es kommt eine Schülerin hinzu, sie hat einen Gehfehler, er soll sich um sie kümmern, weil er in der Nähe ist:
[…] mein Lehrer nahm mich beiseite und teilte mir mit, er erwarte, daß ich mich der gehbehinderten Shimamoto ganz besonders annehmen würde. [S. 11]
Er schildert ihre gemeinsame Liebe zu Büchern und zur Musik und dann kommt etwas, das, so denke ich mir, der Autor selbst erlebt haben muß, sonst könnte er es nicht so gut schildern:
Zweitens war ich der einzige, den ich kannte – Shimamoto natürlich ausgenommen – der sich Klavierkonzerte von Liszt anhörte. [S. 14]
Man beachte den Satzbau und die Nabelschau. Unabhängig davon ist klar: Damit sind die beiden in ihrer Klasse die absolute Außenseiter. Auch in der heutigen Zeit. Ich finde den „Six Seven“ Craze auch nicht schlecht, aber wenn ich mir die Lieder davon anhören muß, dann denke ich mir, toll, daß der Kapitalismus auch dieses Bedürfnis befriedigt – es ist halt doch ein Unterschied, ob man sich mit „Rossini, Beethovens Pastorale und der Peer-Gynt-Suite“ [ebd.] auseinandersetzt oder mit dem Fernsehprogramm aus dem Rubrum „panem et circenses“. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich für Kunden das Fernsehprogramm konfiguriere, was jeden Tag in die Republik gesendet wird.
Ganz stark – und da merkt man eben die Klasse des Buches schon nach wenigen Seiten, ist es, wie er beschreibt, was das Durchhören der 15 Platten aus der Plattensammlung des Vaters auf der guten HiFi-Anlage in ihm auslöst:
Nach und nach aber, nach mehrmaligem Anhören, entstand ein undeutliches Bild in meinem Kopf – ein Bild, das etwas bedeutete. Wenn ich die Augen schloß und mich konzentierte, erreichte mich die Musik als eine Folge von Strudeln. Zuerst bildete sich ein Strudel, dann entstand daraus ein zweiter. Und an den zweiten schloß sich ein dritter an. Heute weiß ich, daß diese Strudel eine ideele, abstrakte Qualität besaßen. Wie gern hätte ich Shimamoto von ihnen erzählt! [S. 15]
Sie fragt ihn dann, ob er glaube, „daß Eltern von Einzelkindern sich nicht besonders gut verstehen?“ (S. 16). Er antwortet, ich glaube, das stimmt auch, er lügt sie nicht an, wenig dazu. „Ich hatte noch nie darüber nachgedacht“ (S. 17).
Es kommt dann die Frage aller Fragen: „Hast Du dich noch nie gefragt, wie es wäre, einen Bruder oder eine Schwester zu haben?“ (S. 17). Seine Mutter hatte ihn das auch schon gefragt. Überhaupt fällt auf, daß er wenig von seinem Vater berichtet – er arbeitet, das Haus stellt die Firma – und von seiner Mutter – sie ist Hausfrau.
Seine Antwort ist, daß der „Hajime, der jetzt hier existiert“, „ohne Geschwister aufgewachsen“ sei: „Wenn ich Geschwister gehabt hätte, wäre ich nicht der, der ich bin“.
Das Buch wechselt dann in die direkte wörtliche Rede. Wie in einem Kinderbuch fast:
„Mhm“, antwortete sie. „In dieser Welt gibt es Dinge, die man ein zweites Mal, anders, machen kann, und Dinge, bei denen das nicht geht. Und die Vergangenheit ist eines dieser Dinge, die man nicht ungeschehen und dann anders machen kann.“ [S. 18]
Also schon sehr einfache Sprache.
Weiter geht es mit:
Ich nickte.
„Wenn erst einmal eine gewisse Zeit vergangen ist, verhärten sich die Dinge. Wie Zement, der in einem Eimer hart wird.“ [ebd.]
Sie schildert dann noch, daß sie sich Gedanken macht, wie viele Kinder sie wohl bekommen wird: Eines.
Also, hier sieht man als Demograph auch sehr schön die Entwicklung Japans vorgezeichnet. Mit allen Folgen, aber das habe ich in anderen Artikeln schon ausführlich geschrieben. Hier aber der Beleg auf der Mikroebene.
Das Kapitel schlägt dann Seite für Seite eine bestimmte Richtung ein. „zeichnete die leichte Schwellung ihrer Brüste nach“, S. 16; „Sie war ganz ohne Frage ein frühreifes Mädchen.“, S. 19; „Das Gefühl, ihre Hand zu halten, hat mich nie wieder verlassen. […] Es war lediglich die kleine, warme Hand eines zwölfjährigen Mädchens […], S. 20; „Obwohl ich ein gewisses, unbestimmtes Interesse an der Schwellung ihrer Brust und dem, was sich unter ihrem Rock verbarg, nicht bestreiten will.“, S. 22.
Kapitel 2, S. 23
Er begann zu schwimmen, er wollte nicht mehr anders sein, „und mich für die Normalität zu entscheiden“ (S. 23): „Mit sechzehn war ich kein mickriges kleines Einzelkind mehr.“ (ebd.).
Er „fand eine Freundin“, Izumi, ‚auf japanisch „Bergquelle“‚ (S. 25). Sie hat eine drei Jahre jüngere Schwester, einen fünf Jahre jüngeren Bruder. Und sie haben einen Deutschen Schäferhund „namens Karl, nach Karl Marx“ (ebd.). „Ihr Vater war Mitglied der japanischen Kommunistischen Partei. (ebd.).
Er küßte sie (S. 26) und beim Abschied sagte Izumi, „sie sei sehr glücklich.“ (S. 27).
Dann kommt die „Erna“-Szene: Er besorgt sich über den Bruder eines Freundes Kondome, der hält nicht still, und dann bittet Izumi in um ein Gespräch:
„Hajime, stimmt das, was ich gehört habe, daß du von Nishida Kondome bekommen hast?“
Wie erwartet bittet sie um „eine Menge Zeit“, S. 31.
Und dann, die Vorahnung.
Aber es war mir damals nicht klar. Daß ich jemanden so schwer verletzen konnte, daß er – sie – sich nie wieder davon erholen würde. Daß man einem anderen Menschen nur dadurch, daß man lebt, irreparablen Schaden zuführen kann. [S. 32]
Das Buch ist in der alten Rechtschreibung verfaßt. Man beachte die „daß“-Häufung. Und vergleiche es damit, wie viele heutige Textschaffende „dass“ vermeiden – eine Folge der Rechtschreibreform, die, wie ich von Anfang an sagte, für nichtig erklärt werden sollte – um die deutsche Sprache wieder nach vorne zu bringen.
Kapitel 3, S. 33
Das Buch driftet immer mehr in eine Richtung, „Was allerdings den Sex anbelangt …“, S. 33.
Man denkt langsam, irgendwie ist es ein „Coming of age„-Buch und warum wurde es eigentlich so hochgelobt?
„Einmal jedoch hielt ich Izumi nackt in den Armen.“ Sie verweigerte zwar den Vollzug, aber tat das ihre. Jedenfalls denkt man sich, eher „Bravo“-Niveau, vor allem die irgendwie konstruiert wirkende Geschichte, daß seine Tante „zufällig“ kam, ihm „zufällig“ etwas zu Essen machen wollte, er dann eine Gelegenheit nutzte, als die Tante auf Toilette war, Izumi aus dem Haus zu bugsieren, sie dann aber ihn aus einer Telefonzelle heraus ihn anrief, er auf einmal doch für länger aus dem Haus ging und sie offenbar zum Bahnhof begleitete, sich eine Predigt anhören mußte, es um sein „neues“ Leben in Tokio ging nach der Schule, zum Studieren, er räsonierte bei einer Zigarette (Hallo?) und es war klar, sie war eigentlich jetzt schon abserviert.
Genau wie die Tante, die sich nicht wundert, wenn er auf einmal eine halbe Stunde weg ist?!
Meiner Meinung nach eines der schwächeren Kapitel des Buchs.
Kapitel 4, S. 45