Das Heft kommt mit mehreren Werbe-Einlegern und einem redaktionellen Werk, „Spiegel Bestseller“, „Frühjahr 2026“, „Das Kulturmagazin“. Es ist in einem Zwischenformat zwischen DIN A4 und DIN A5 gedruckt. Gerade noch handlich, im Hochformat.
Laut „Impressum“ auf der zweiten Seite (links ist Werbung in eigener Sache, „52 Wochen lesen, 50 % sparen“, wird als Herausgeber „Rudolf Augstein (1923 bis 2002) genannt und „Die nächste Ausgabe von SPIEGEL BESTSELLER erscheint am 19. Juni“.
Auf dem Titelbild ein großes Bild mit ‚“Bart ab. Haus verkauft. Alles verschenkt.“ / Vor zehn Jahren verschwand er. Jetzt kehrt Der Graf [beides in blau gedruckt] mit neuer Musik zurück. Warum bloß?“
Auf S. 5 eine Buchbesprechung von Kae Tempest. Die Hauptfigur saß 15 Jahre im Gefängnis und jeder halbwegs juristisch Vorgebildete weiß, was das bedeuten muß und ich persönlich lese aus persönlichen Gründen derartige Geschichten nicht mehr. Lieber wäre mir ein Buch über das oder die Opfer. Nun denn. Ich bin immer wieder sprachlos, wenn ich die Bücherauslage sehe und die „True Crime“ Abteilung und ich frage mich, wie das Psychogramm einer Gesellschaft wohl aussehen mag, die eine derartig hohe Nachfrage in diesem Genre induziert. Das wäre auch ein Gebiet für eine sozialpsychologische Forschung, über eine Förderung würde ich mich freuen.
Auf S. 8 ein Buch über „Die Ärztin Iryna Fingerova behandelte in Deutschland Menschen, die aus ihrer Heimat Ukraine fliehen mussten. Au den Patientennotizen hat sie nun einen Roman gemacht“. Bestimmt auch sehr schön, aber mir zu PC und nahe an „Go Woke go broke“.
Weitere Besprechungen und Interviews, die ich hier überspringe.
Es kommen die Ranglisten der Verkäufe Belletristik (20 Positionen) und Sachbuch (20) mit launischen Ein-Satz-Besprechungen. Oder auch mal zwei. Hier dachte ich mir zuerst, vielleicht ist das Heftchen doch ganz gut.
Nicht mehr ganz, aber doch noch sehr überraschend ein „klasse“-Text, wie ein alter Freund gesagt mit der Überschrift „Anja Rützel liest ein Buch gegen … die Angst, nur Durchschnitt zu sein.“
Ein Thema, das mich von einer anderen Seite sehr beschäftigt zur Zeit, nämlich mit der Schule. Ich kann nur für das bayerische Schulsystem sprechen und meine Erfahrungen, was es mit den Kindern macht. Ich habe die Gelegenheit, viel mit Kindern und Jugendlichen zu sprechen und bin ganz geschockt, wie angstvoll sie sind und wie sie „kleingemacht werden“, wie es ein Bub einmal ausgedruckt hat. Diese Besprechung ist dazu sozusagen die aggregierte Kehrseite. Irgendwie ist jeder „Durchschnitt“. Hier wird in meinen Augen spektakulär wenig geforscht – denn sonst hätte es schon die „Stein-Hardenbergschen Reformen 2.0“ geben müssen. Schon längst. Schon vor Corona.
Ich sage den Kindern immer „Jeder von euch ist einzigartig. Kein Lehrer hat das Recht euch anzuschreien. Ihr seid nicht dumm.“.
Und so gut diese Besprechung auch ist, es ist nicht durchdacht. Oft habe ich das in den letzten Monaten und Jahren durchgesprochen, die „Erfolgreichen“ sind in meinen Augen nur „vermeintlich“ erfolgreich. Es ist eher eine Art Götzen-Anbetertum. Viele Menschen sind leider geschichtlich und vom Allgemeinwissen her nicht besonders breit aufgestellt, um es einmal so auszudrücken. Irgendwie kommt es mir so vor, sie haben ein „Recht auf Bildung“ und ich muß sie vermitteln. Ich sage immer: Nein, Bildung ist keine Bringschuld ab einem gewissen Alter, sondern eine Holschuld. Dann gehe ich einige „Erfolgreiche“ durch und erzähle Hintergründe dazu, die viele nicht wissen. Im Laufe meiner Ausführungen werden sie immer stiller und stiller. Es ist wie beim „Herrn und beim Knecht“, in der Dialektik, wer erschafft wen. So ist es auch mit den „Normalos“ und den „Erfolgreichen“.
Dann der Knaller, warum ich das überhaupt bespreche. Der Artikel „Bei den Oscars gewinnt (fast) immer der falsche, von Lars-Olav Beier. Ich habe mir dann das Impressum noch einmal durchgelesen, es ist lang, aber er taucht nicht auf. Also wohl ein zugekaufter Artikel – oder intern irgendwie verrechnet, denn laut „wikipedia.de“ ist er „Redakteur im Kulturressort des Spiegel„. Also eine gute Redaktion oder ein guter Chef. Also, dieser Artikel ist so lesenswert, der könnte nicht einmal von mir sein, weil er mehr weiß als ich, aber ich stimme seiner Schlußfolgerung zu. Früher haben wir im Freundeskreis eine „Oskar-Nacht“ gemacht und blieben auf und haben auf Leinwand die Übertragung angeschaut. Es gab sogar eine „Oscar-Wette“, die von unserem Film-Häuptling ausgerichtet wurde und man mußte in den Kategorien abstimmen. Das machen wir schon lange nicht mehr und ich schaue mir die Verleihung nicht einmal mehr in der Zusammenfassung an. Ich weiß nicht, wann sie mich verloren haben, aber lange, bevor „Go woke go broke“ dafür als Bezeichnung erfunden wurde. Ich selbst schaue viele alte oder ältere Filme. Er erwähnt auch „Three Billboards outside Ebbing, Missouri„, da denke ich mir immer, der hatte hierzulande keine Erfolg, weil viele deutsche mi dem Titel nichts anzufangen wissen. Einer meiner Server steht in St. Louis, MO. Egal, ich bin seit langem großer Fan von Woody Harrelson und seiner Sprache.
Dann auf Seite 23 die „Kinocharts“ (zehn Positionen, nur zwei ausführlichere Besprechungen), auf Platz 1 „Scream 7“, das hätte auch schön Platz gefunden in der Besprechung. Es reicht ja nur eine Bemerkung. Noch fünf „Scream“-Filme, dann wäre die erste Staffel voll.
Wolfgang Höbel bespricht kurz in einer Spalte ein „Sozialdrama“, „Erst 15 und schwanger“, über „dramatische gesellschaftliche Notstände“, „irgendwo bei Lüttich in einem Heim“. Die Milieus, die in meinen Augen vor gut 20 Jahren zuerst in UK zu finden waren, kommen jetzt offenbar auch auf den Kontinent.
Dann ein Interview („Als Der Graf füllte er mit seiner Band Unheilig in den Nullerjahren die großen Stadien, dann verschwand er plötzlich“, bei dem ich mich erst gezwungen habe, es Satz für Satz zu lesen, dann aber, als er beschreibt, wie er über zwei Jahre es auslaufen ließ, weil so viele Mitarbeiter von ihm abhingen und ihnen Zeit gegeben werden sollte, um unterzukommen, fiel dem Interviewer die Frage ein „Ein sozialverträglicher Abgang?“. Wenn Andreas Borcholte wirklich dieser Satz genau so an dieser Stelle eingefallen ist, dann würde ich ihm als Chef ein Interview mit Angela Merkel, Christian Lindner oder Hans Eichel geben, denn das ist lange überfällig. Hans Eichel war in meinen Augen der letzte gute Bundesfinanzminister (Preisfrage: Wer ist der aktuelle?), denn bei ihm hatte man das Gefühl, er litt wirklich unter der Schuldenmacherei. Wie einer meiner Kunden einmal sagte über einen Geschäftsmann: „Er hat körperliche Schmerzen beim Geldausgeben“. Jeder, wirklich jeder, der einige Semester VWL oder BWL studiert hat, müßte wissen, wozu der aktuelle politische Kurs unweigerlich führen werden wird. Und wo „die Anfänge“ waren. Das Interview mit „Graf“ ist gut und lesenswert, wirklich lesenswert, seine Musik wird auch eine andere sein als früher, denn jede Lebensphase hat ihre eigenen Herausforderungen und wenn man nicht wegrennt äh mit dem Wohnmobil wegfährt, sondern sich ihr stellt, kommt ein neuer Kosmos. Denn wie jemand in meinem Umfeld einmal sagte „Das Weltall ist unendlich, aber die Welt der Musik ist noch viel unendlicher“.
Auf Seite 27 noch ein toller Satz, ein Artikel von Andreas Borcholte über Robyn, der Autor sagt über Britney Spears: „Britney verglühte in der Blitzlicht-Hölle des Pop-Business“. Metapher 2.0.
Auf S. 28f noch „Bestseller Essen und Trinken“ (mit einer Rangliste mit zehn Positionen), damit kann ich wenig anfangen ehrlich gesagt, vielleicht bin ich noch nicht in dem Alter, ich koche lieber selbst mit Muße – und Zeit. Kochen ist wie lange Autofahren in der Nacht oder Duschen, wenn man sich die Zeit nimmt, hat man ab und zu spontane Einfälle.
Nun aber, sozusagen, nach dieser Vorbesprechung, das eigentliche Heft, das Titelbild:
- Nie mehr sicher? / Krieg in Iran, Bedrohung aus Russland, Abstieg der Wirtschaft: Was die globalen Krisen für uns bedeuten.
Eine Art Collage als Titelbild. Oben noch drei „Teaser“: „Kulturbeilage / Die besten Tipps für den Frühling“ (das scheint das soeben besprochene „Spiegel-Bestseller“ zu sein); „Bundes-Grüne / Auf der Suche nach der Özdemir-Formel“; „Vermögen / Lieber jetzt ausgeben als später vererben“.
Als erstes denke ich mir bei dem Titel: Vielleicht bekommt „Der Spiegel“ die Kurve ja doch noch. Nichts aus der Lebenswelt eines Redakteurs oder die Schulerfahrungen einer Redakteursfamilie. Kein Trump-Bashing.
Zu dem dritten Teaser fällt mir eine englische Dame ein, die wir auf einer der langen Zugfahrten quer durch die USA im „Dining Car“ trafen. Zum einen redete nur sie, ihr Mann saß nur daneben. Sie hatten wohl ein Unternehmen für Kräne in England. Und eigentlich wären Erben da, aber sie sagte – schon vor gut 20 Jahren: „I will spend my last pound on my last day.“. Ein Satz wir aus einem Film. Mit diesem unbeschreiblichen UK-Akzent. Zugreisen durch die USA kann ich nur empfehlen. Abends rollt man in Nebraska rein, nur Wiese und Kühe, man fährt die ganze Nacht durch, am Morgen rollt man aus Nebraska raus, nur Wiese und Kühe. Bei 95 % von denen, die über die USA schreiben, denke ich mir seitdem, die kennen das Land nicht.